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Kritische Fragen zur Ganztagsschule

Jugendliche fürchten um ihre Freizeitmöglichkeiten - Politiker werben für die Bedeutung des Angebots

Berichterstattung der Braunschweiger Zeitung/Wolfenbütteler Zeitung und Anzeiger
vom Mittwoch, 19. Dezember 2007

WOLFENBÜTTEL. Eintracht auf dem Podium, Skepsis bei den Zuhörern: Beim Thema Ganztagsschule prallen die Ansichten aufeinander. Während die vier Landtagskandidaten geschlossen die Einführung eines solchen Angebots befürworten, sehen Schüler des Theodor-Heuss-Gymnasiums darin Gefahren. In der offenen Fragerunde der Podiumsdiskussion fasst sich ein junger Mann ein Herz: "Wir haben doch jetzt schon keine Zeit mehr für Beziehungen, Hobbys und um Geld zu verdienen. Wie soll das erst bei einer Ganztagsschule werden?" Seine Mitschüler aus den Jahrgängen 11 bis 13 applaudieren. Lautstark.

Verständnis für Sorgen

Die Politiker haben Verständnis für die Sorgen, werben zugleich aber für ihre Positionen. Frank Oesterhelweg sagt: "Wir müssen allen Kindern die Möglichkeit geben, nachmittags qualifiziert betreut und unterrichtet zu werden." Dörthe Weddige-Degenhard will Schüler-Bedenken zerstreuen, meint: "Viele Gymnasien sind doch schon fast Ganztagsschulen - es fehlt nur die Kantine." Björn Försterling (FDP) ergänzt: "Ein Teil des Angebots muss freiwillig sein." Und Bertold Brücher erklärt: "Wir Grüne wollen eine Schule neuen Typs: ganztags, gemeinsam, gut. Dazu müssen wir uns von den Klassenverbänden lösen und Stufen schaffen."
Alle vier Politiker betonen schließlich, dass die Vereine in die Pläne mit einbezogen werden und an die Schule geholt werden müssen. Dies gelte nicht nur für den Sport, sondern beispielsweise auch für die Musik. Ein Fragestellerin aus dem Publikum gibt zu Bedenken: "Manche von uns müssen aber nebenher arbeiten - weil die Eltern geschieden sind und die Familien sonst zu wenig Geld haben." Das Podium ist erschüttert. Eine Patentlösung für dieses Problem haben sie nicht parat. Differenzen zwischen den Kandidaten werden beim nächsten großen Thema deutlich, der Gesamtschule. Die Schüler Gunnar Isensee und Christoph Lampe, die die Debatte souverän moderieren, haken nach. Björn Försterling sagt: "Ich favorisiere das gegliederte Schulwesen" - also die Einteilung in Gymnasium, Haupt-, Real- und Förderschule. "Eine Gesamtschule in Wolfenbüttel wird die Schullandschaft zerstören." Unklar sei zudem, wo diese eingerichtet werden könne.

"Keine Systemdiskussion"

Frank Oesterhelweg erklärt: "Ich bin Gegner der Gesamtschule, das gegliederte System hat sich bewährt." Eine Gesamtschule lasse sich nur auf Kosten der Qualität einführen. Oesterhelweg: "Wir brauchen keine neue Systemdiskussion."
Für die Gesamtschule tritt Dörthe Weddige-Degenhard ein. "Unser bisheriges System stammt aus einer Zeit, als die Gesellschaft noch in Stände eingeteilt war." Die Bildungsstudie Pisa habe gezeigt: "Länder mit Gesamtschulen haben mehr Erfolg." Wo Eltern und der Schulträger willens seien, eine Gesamtschule einzurichten, solle ernsthaft darüber nachgedacht werden.
Bertold Brücher meint: "Wir sollten die Gesamtschule bedarfsorientiert einführen." Sein Analyse: "Es wird versucht, dieses Thema zu ideologisieren."

von Stephan Hespos

Bertold Brücher




Debatte hat Einfluss auf Meinungen der Schüler

Jugendliche nehmen an Testwahlen unserer Zeitung teil

WOLFENBÜTTEL. Eigentlich stellen sich die Landtagskandidaten erst am 27.Januar 2008 zur Wahl. Die Schüler des Theodor-Heuss-Gymnasiums hatte jedoch bereits gestern Gelegenheit, ihre Stimmen abzugeben - bei einer nicht repräsentativen Testwahl unserer Zeitung. Dabei gab es zwei Wahlgänge, einen vor und einen nach der Podiumsdiskussion mit den Bewerbern. Grund: Wir wollten wissen, inwieweit die Debatte die politische Meinungsbildung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen beeinflusst. Das erstaunliche Ergebnis: Im ersten Wahlgang gaben immerhin 83 von 215Schülern an, noch nicht zu wissen, bei welchem Landtagskandidaten sie ihr Kreuz machen wollen. Im zweiten Wahlgang dann, also nach dem Austausch vieler Argumente, waren nur noch 13Schüler unentschlossen. Blicken wir auf weitere Trends. "Gewinner" der Diskussionsrunde sind der CDU-Kandidat Frank Oesterhelweg sowie der FDP-Mann Björn Försterling (siehe Grafik). Im Vergleich zum ersten Wahlgang legten sie am deutlichsten zu. Seinen Stimmenanteil verdoppeln konnte unterdessen Bertold Brücher von Bündnis90/Die Grünen. Herbe Einbußen musste hingegen Dörthe Weddige-Degenhard hinnehmen. Einig waren sich die Kandidaten sowie die Schüler-Moderatoren Gunnar Isensee und Christoph Lampe darin, dass jeder Wahlberechtigte unbedingt zur Wahl gehen und Demokraten wählen sollte.

von Stephan Hespos

Umfrage der Braunschweiger Zeitung

 


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