Der Landkreis Wolfenbüttel - die "Toskana des Nordens": zwischen Elm und Asse zieht der Wind über hochsommerlich gold-gelbe Felder und Kühle versprechende tiefgrüne Wälder. Die sanften Ausläufer der beiden Höhenzüge geben dieser Landschaft ein liebliches Gepräge, da und dort zeugen in den Ortschaften alte, steingemauerte Gutshöfe und trutzige Kirchenbauten davon, dass hier schon seit Generationen Menschen im Einklang mit der Natur von ihrer Hände Arbeit leben und dabei zufrieden sein konnten. Fast ließe sich sagen: ein Idyll.
Alle kennen hier die Asse, den Höhenzug zwischen Groß Denkte und Remlingen. Sieben Kilometer lang und knappe zwei Kilometer breit ist er, durch seine Wälder kann man wandern, auf der Burgruine herumklettern, den Bismarckturm besteigen oder im Asselager zelten. Viele, auch aus dem nahen Wolfenbüttel oder dem nur 20 km entfernten Braunschweig sind hier schon gewesen und haben sich erfreut an der unverfälschten Natur.

Abdruck des Essays in der Mitgliederzeitschrift der Grünen in Niedersachsen "Grüne Zeiten" 09/2007
Unverfälschte Natur? Im Südteil der Asse verbirgt sich ein dunkles Geheimnis, das Menetekel der bundesdeutschen Atomendlagerstrategie.
Was ist passiert?
In der Asse wurde zwischen 1899 und 1964 erst Kalisalz, dann Steinsalz gefördert. Allerdings lief der Schacht Asse I schon früh mit Wasser voll und musste aus diesem Grund geschlossen werden. Das ging damals so schnell, dass es gerade noch gelang, die Arbeiter herauszuholen - und die Pferde, die als Zugtiere unter Tage eingesetzt waren. Maschinen und Gerät blieben im Schacht. Auch Asse III "soff ab", wie die Bergleute sagen, wenn auch planmäßig. Und ein weiteres Bergwerk in ummittelbarer Nähe nahm ein nicht vorhergesehenes Schicksal. Der Hedwigsburger Schacht soff erst ab und stürzte dann ein - das Wasser hatte die Salzformationen in Bewegung gebracht, das Deckgebirge gab nach - und seitdem gibt es einen Kratersee dort, wo früher eine Bergkuppe war.
Aber es wurde weiter Salz abgebaut, denn es gab ja noch den Schacht Asse II. Im Jahr 1965 wurde das ein Jahr zuvor stillgelegte Bergwerk von der Gesellschaft für Strahlenforschung (GSF) erworben. Das Bundesforschungsministerium beauftragte die Gesellschaft, ein Forschungsendlager für radioaktiven Müll zu errichten. Bis 1978 wurden 125.000 Fässer mit schwachradioaktivem Müll und 1.300 mit mittelradioaktivem Müll eingebracht. Dann war nach den 1978 in Kraft getretenen neuen Bestimmungen des Atomgesetzes keine Endlagerung von Atommüll mehr möglich, ohne ein Planfeststellungsverfahrens (- mit Öffentlichkeitsbeteiligung -) durchzuführen. Darauf verzichtete die GSF, und anstatt ein solches Planfeststellungsverfahren zu beantragen, wurde erst nach Intervention aus dem Kreistag Wolfenbüttel keine weitere Einlagerung von Atommüll mehr vorgenommen. Es wurde jedoch weiter mit radioaktiven Substanzen geforscht, es wurden technische Verfahren entwickelt und Tests zum Verhalten von Salz bei Strahlungs- und Wärmeeinwirkung durchgeführt. Dazu wurde das Bergwerk weiter ausgebaut - es wurde quasi jetzt zum "Versuchsbergwerk".
Das wirkliche Problem begann aber erst einige Jahre später. Obschon in einer wissenschaftlichen Arbeit von 1979 vor mangelnder Standsicherheit gewarnt und die Möglichkeit eines Wassereinbruchs beschrieben worden war (Dipl. Ing. Hans-Helge Jürgens, vergl.: ARD Kulturspiegel - Dokumentation vom 15.03.1979), gingen weder GSF noch die Aufsichtsbehörde dem nach. Spätestens ab 1988, wie erst 1991 bekannt wurde, gab es Wassereinbrüche in den Berg: salzhaltige Laugen treten in das Schachtgebäude ein, um die 12.000 l täglich (bis heute!).
Die GSF räumt ein, dass der Laugenzufluss nicht verhindert oder gemindert werden kann, sie bestätigt, dass sie nicht weiß, woher die Lauge kommt und weist darauf hin, dass die Lauge die das Grubengebäude umgebenden Carnallititbereiche zerstören und auflösen kann und somit auch die Stabilität des darüber befindlichen Deckgebirges gefährdet. Überdies: Durch das Volllaufen der Grube werden auch die Lagerkammern mit Salzlösung gefüllt und Radionuklide können in Lösung gehen. Diese Lösung - und das bestreitet heute kein Mensch mehr - wird auch ins Deckgebirge gepresst werden und Grundwasserprobleme werden dann die Folge sein. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird es zu einer Verbindung von Grundwasser und radioaktiver Materie kommen, ebenso wie radioaktiv verseuchte Salzquellen am Hang der Asse austreten werden.
Auch das sieht die GSF - meint (besser: hofft) aber, "dass alles im Rahmen der Toleranzwerte" stattfindet.
Die GSF hat den Auftrag, den Schacht zu schließen. Und da die gesamte Atommülleinlagerung nie nach atomrechtlichen Bestimmungen genehmigt worden war, geht die GSF nach bergrechtlichen Verfahrensschritten vor. Der gesamte Ablauf am Forschungsendlager Asse II fand bislang quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt - und das sollte dem Grunde nach fortgesetzt werden.
Doch in den letzten Monaten kam Bewegung in das Geschehen. Diverse Initiativen rund um die Asse, aber auch aus dem Südniedersächsischen Großraum, schlossen sich zu einem "Koordinationskreis Asse II" zusammen. Seitdem wird informiert und - auf hohem Niveau - referiert, ob in kommunalen Vertretungen, Vereinsversammlungen, öffentlichen Veranstaltungen oder VW-Betriebsversammlungen.
Im Auftrag der GRÜNEN Landtagsfraktion erstellte der Rechts- und Beratungsdienst des Niedersächsischen Landtags ein Gutachten, welches zu dem Ergebnis kam, dass eine Klage auf Anwendung atomgesetzlicher Verfahrensvorschriften Erfolgsaussichten hat, bundesweit berichteten Zeitungen über Asse II, nennen es das "größte Reagenzglas Deutschlands" und "Atomklo". Der Petitionsausschuss des Landtages beschäftigte sich mit einer Petition des Landkreises Wolfenbüttel, eine Asse-Anwohnerin klagt nun vor dem OVG Lüneburg darum, dass ein atomrechtliches Genehmigungsverfahren angeordnet wird. Auf der LDK der GRÜNEN in Hitzacker wurde von den BewerberInnen für die Landesliste kaum ein Begriff öfter genannt als "Asse II".
Die Bürger-Initiativen um die Atommüllendlager-Standorte Gorleben, Schacht Konrad, Morsleben und Asse II arbeiten zusammen, bündeln ihr Kräfte im Wissen, dass der Widerstand ein gemeinsamer ist. Denn sowohl Morsleben (nur 300 Meter von der Grenze des Landkreises Helmstedt entfernt) wie auch Asse II zeigen, dass dem Konzept der nicht-rückholbaren, wartungsfreien Endlagerung nicht zu trauen ist.
In den südostniedersächsischen Kommunalparlamenten ist Asse II und der Beitritt zum Rechtshilfefonds Asse II oftmaliges Thema, die GRÜNE Landtagsfraktion stellte Strafantrag gegen den Fachminister und den Leiter des Bergwerkes Asse II, die GRÜNEN im Bundestag brachten einen Antrag "Für eine Schließung des Forschungsendlagers Asse II unter Atomrecht und eine schnelle Rückholung der Abfälle" ein - sowohl parlamentarisch wie außerparlamentarisch wird endlich der Bedeutung des Themas angemessen agiert.
Nun gibt sich auch das zuständige Landesministerium, vertreten durch Umweltminister Sander, konzilianter und stellt eine "freiwillige Öffentlichkeitsinformation und -beteiligung" in Aussicht. Auf Arbeitsebene wurde Kontakt aufgenommen zwischen diesem Landesministerium und dem sich bislang für zuständig haltenden (aber nichts zur Öffentlichkeitsinformation beitragenden) Bundesforschungsministerium sowie Gabriels Bundesumweltministerium. Zuletzt während einer Diskussion in NDR 1 sicherte Gabriel zu, dass die Fragen zur Standsicherheit und zum Optionsvergleich bis zum Herbst, spätestens zum Jahresende geklärt sein sollen - und sein Landesminister-Kollege Sander sicherte die möglichst weitgehende Veröffentlichung aller Unterlagen zu.
Immer mehr Menschen fühlen sich durch die von Asse II ausgehende Gefahr bedroht. Es liegt auf der Hand, dass Versprechungen keine rechtliche Sicherheit geben - und von daher kann der Sache nur dienen ein Optionsvergleich: unter Beteiligung aller Betroffenen müssen alle Informationen auf den Tisch und alle nach dem neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisstand möglichen Optionen müssen abgewogen werden. Dann erst kann die im Rahmen des Möglichen "sicherste" Lösung eingegangen werden, unter Beachtung dieser und folgender Generationen.
Zuletzt beschloss die LDK in Hitzacker, dem Leitgedanken folgend, dass der, der Rückholung des Atommülls möglich halten will, die Rückholung fordern muss:
"BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Niedersachsen fordern die Bundesregierung auf, den atomaren Müll aus dem Atommülllager Asse II rückzuholen. Für diesen und anderen in Deutschland produzierten Atommüll muss bundesweit nach der besten und sichersten Endlagerungsstätte gesucht werden. Hierfür ist die flächendeckende Einleitung der gesellschaftlichen Diskussion über das nationale Konzept der Endlagerung, die Gestaltung des Standortsuchverfahrens und die Öffentlichkeitsbeteiligung im Rahmen dieses Verfahrens nötig."
Begründet wird dieser Parteitagsbeschluss damit, dass nur die (Option der) Rückholung die Möglichkeit eröffnet, Generations-übergreifend kontrolliert mit der jetzigen Asse-II-Situation umzugehen, die selbst nach den Worten des Bundesumweltministers der GAU der atomaren Endlagerung ist. Nur wenn der Müll zurückgeholt wird, lässt sich das Risiko der Grundwasserkontamination ausschließen.
Und klar ist auch: mit jeder weiteren Stunde Laufzeit der Atomkraftwerke erhöht sich das atomare Abfallvolumen - und Asse II und Morsleben zeigen, dass es offensichtlich keine rückholbare, wartungsfreie Endlagerung geben kann . und darum ist Asse II das Menetekel der bundesdeutschen Endlagerstrategie, die Unheil verkündende Warnung.